LONDON - Zwei Monate nach den gemeinsamen Militärschlägen der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran ist die Straße von Hormuz zu einer „wirtschaftlichen Kriegsuhr“ geworden. Wiederholte Unterbrechungen des Schiffsverkehrs in dieser Hauptschlagader der weltweiten Energiewirtschaft lassen Befürchtungen über eine umfassendere Krise der Inflation und des Wirtschaftswachstums aufkommen.

Etwa 20 Prozent der weltweiten Erdöl- und Flüssiggaslieferungen laufen durch diesen engen Korridor. Selbst kurzfristige Störungen wirken sich daher schnell auf die Handelsströme, die Finanzen und den Verbrauch aus, was sich auf die Haushalte in aller Welt auswirkt.

Infolge der Eskalation der Spannungen ist der Verkehr in der Meerenge erheblich zurückgegangen. Von ursprünglich 45-50 Tankern pro Tag ist er auf weniger als 20 zurückgegangen und an einigen Stellen sogar fast zum Erliegen gekommen. Nach Angaben von Russella Hardyho, Chef von Vitol, könnte der Markt mindestens eine Milliarde Barrel Öl und raffinierte Produkte verlieren. Seit Ende Februar seien etwa 12 Millionen Barrel pro Tag aus der Produktion genommen worden, sagte er. Analysten gehen davon aus, dass sich der globale Ölmarkt von einem erwarteten Überschuss zu einem Defizit von etwa 750 000 Barrel pro Tag im Jahr 2026 entwickeln wird.

Die Internationale Energieagentur (IEA) bezeichnete die Situation als die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des Ölmarktes. Als Reaktion auf die Krise koordinierte sie eine Rekordfreigabe von rund 400 Millionen Barrel aus den strategischen Reserven. Gleichzeitig erwarten die Analysten, dass der Markt bis 2026 ein Defizit aufweisen wird.

Der Preis für Rohöl der Sorte Brent ist im März um 63 Prozent gestiegen und könnte bei anhaltender Volatilität zwischen 100 und 190 Dollar pro Barrel liegen. Gleichzeitig werden die Ölströme umgelenkt, wobei die Vereinigten Staaten ihre Rolle als Exportdrehscheibe ausbauen.

Die Auswirkungen der Krise werden im täglichen Leben immer deutlicher spürbar. Der Internationale Währungsfonds warnt, dass die steigenden Energiepreise wie eine „Konfliktsteuer“ wirken, insbesondere für importabhängige Volkswirtschaften. In den USA stiegen die Benzinpreise im März um mehr als 24 Prozent und trieben die Ausgaben der Haushalte in die Höhe. In Asien schränken die steigenden Kosten die Produktion und die Kaufkraft ein, während in Europa die Angst vor einer Energiekrise zurückkehrt.

Der Konflikt hat nicht nur Auswirkungen auf den Energiesektor. Die Flugpreise sind aufgrund von Routenänderungen und höheren Treibstoffkosten um rund 24 Prozent gestiegen. Auf lokaler Ebene schlagen sich die Probleme in Lieferverzögerungen, Warenverlusten und steigenden Lebensmittelpreisen nieder.

Zusätzlich zu den unmittelbaren Schocks weisen Analysten auch auf langfristige Veränderungen hin. Die Wiederherstellung der Ölproduktion auf das Vorkriegsniveau wird wahrscheinlich mehrere Monate dauern, je nach dem Ausmaß der Schäden und der Wiederaufnahme des Verkehrs in der Straße von Hormuz.

Selbst in einem relativ günstigen Szenario könnten nach Schätzungen der Analysten der ANZ Bank im ersten Monat nur zwei bis drei Millionen Barrel pro Tag gefördert werden, wobei sich weitere zwei bis 3,5 Millionen Barrel pro Tag im zweiten Quartal allmählich erholen könnten. Sie warnen auch davor, dass Störungen, beschädigte Infrastrukturen und Exportbeschränkungen bedeuten, dass die Erholung weder reibungslos noch linear verlaufen wird.

Auf einer systemischen Ebene beschleunigt die Krise die Neuausrichtung der globalen Energie- und Handelsnetze. Laut Windward werden alternative Logistikrouten, insbesondere Landkorridore und veränderte Bestimmungsorte, eher zur neuen Normalität als zu einer vorübergehenden Lösung.

„Es ist unwahrscheinlich, dass sich diese Struktur schnell auflöst, selbst wenn es zu einem Waffenstillstand kommt.“ heißt es in dem Bericht. Die Risiken der Kriegsversicherung, der Staus, der Überlastung und der ungelösten Transitregeln bedeuten, dass das derzeitige System bereits von der Improvisation zu einer neuen Betriebsnorm übergegangen ist.

Gleichzeitig macht die Krise die Anfälligkeit der wichtigsten Seewege deutlich und zwingt die Staaten dazu, ihre Ressourcen zu diversifizieren, strategische Reserven auszubauen und ein Gleichgewicht zwischen Effizienz und Widerstandsfähigkeit zu finden.

Die Situation verstärkt auch den Druck auf die Energiewende. Politiker fordern einen schnelleren Übergang zu erneuerbaren Energien, um die Abhängigkeit von anfälligen Routen zu verringern.

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