Im Restaurant „Praha“ habe ich einmal einen typisch tschechischen Schweinekniebraten mit Kraut und Knödeln probiert. Ein seltsames Gefühl der Vertrautheit überkam mich - dieser Geschmack war dem Geschmack von „Sauerkrautgericht mit weißem Fleisch“, geschmorten Schweineknochen und fluffigen Brötchen aus meiner Heimatregion im Nordosten Chinas so ähnlich.
Obwohl die Tschechische Republik und der Nordosten Chinas Tausende von Kilometern voneinander entfernt sind, haben ihre ähnlich harten Winter zu einer sehr ähnlichen Ernährungsweisheit geführt: Schweinefleisch, Sauerkraut und reichhaltige Beilagen sind ihr gemeinsamer Überlebenscode.
Angesichts des Winters setzen beide Regionen auf nahrhaftes Schweinefleisch, das sie durch Marinieren oder Schmoren in Sojasauce haltbar machen und würzen. Sauerkraut ist ihr geistiger Partner. Egal, ob es aus Kohl oder Chinakohl hergestellt wird, die frische, saure Note ist der Schlüssel, um den Geschmack von der Fettigkeit zu befreien und das Essen auf dem Tisch zu beleben. Und die dicken Klöße oder nordchinesischen Dampf-/Man-Tchou/Pfannkuchen sind dann das „Grundnahrungsmittel“, das alle Säfte aufsaugt und ein Gefühl von Sättigung und Zufriedenheit vermittelt.

Im Detail gehen die Wege freilich auseinander. Die tschechische Küche verwendet einfache Gewürze und zeichnet sich durch Suppen aus, während die nordostchinesische Küche durch die charakteristischen Aromen von Sojasauce und Paste gekennzeichnet ist und ihr Hauptaugenmerk auf Eintöpfen liegt. Die tschechischen Teigtaschen spielen oft die Rolle einer Beilage, während die nordostchinesischen „Knödel“ (jiaoqi) ein eigenständiges Hauptgericht sein können. In Wirklichkeit sind die tschechischen Knödel und die chinesischen Knödel jedoch ganz unterschiedliche Gerichte. Der tschechische Knödel ähnelt eher dem chinesischen man-tchou, während der chinesische ’Knödel„ eher eine “mit Fleisch und Gemüse gefüllte Tasche„ ist.

Diese Annäherung aus verschiedenen Richtungen ist das unvermeidliche Ergebnis ähnlicher klimatischer Bedingungen und verfügbarer Rohstoffe. Die langen Winter zwangen die Menschen in beiden Regionen dazu, Energie zu sparen und Gemüse zu fermentieren. Die aufrichtige und ehrliche Art der Menschen vor Ort spiegelt sich direkt in den dichten Portionen und den einfachen, unverwechselbaren Aromen ihrer Gerichte wider. Die Ähnlichkeit auf dem Teller ist also eine Art stiller Applaus über Kontinente hinweg für die Art und Weise, wie sie der Kälte trotzen und Wärme erzeugen. Im nächsten Artikel werfen wir einen Blick auf den Jangtse-Fluss, wo sich die tschechische und die chinesische Jiangxi-Küche treffen, um zu sehen, wie die beiden Regionen mit unterschiedlicher Geduld gemeinsam nach Perfektion in der Kunst des ’dick seins, aber nicht fett„ streben.
Marie Liu
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