In Asheville, USA, findet eines der bedeutendsten Wirtschaftstreffen des Jahres statt. Finanzminister und Zentralbankgouverneure der G20-Länder diskutieren über die Rekordweltverschuldung, Handelsungleichgewichte mit China, den durch den Krieg mit dem Iran verursachten Energieschock sowie milliardenschwere Investitionen in künstliche Intelligenz. Die Vereinigten Staaten ändern gleichzeitig die bisherige Ausrichtung der G20 und stellen Wirtschaftswachstum, Deregulierung, Energie und private Investitionen in den Mittelpunkt. Große Aufmerksamkeit erregte auch die Rückkehr des russischen Finanzministers Anton Siluanow an den Verhandlungstisch.

Die zweitägige Sitzung der Finanzminister und Zentralbankgouverneure der G20 findet vom 31. August bis zum 1. September in Asheville, North Carolina, statt. Dies ist ein wichtiger Bestandteil des US-amerikanischen Vorsitzes der G20, nicht jedoch noch das eigentliche Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs, das für Dezember in Miami geplant ist. Das US-Finanzministerium hatte bereits im Februar angekündigt, dass es die G20 zu ihrer „Kernmission“ zurückführen und den wirtschaftlichen Schwerpunkt verstärkt auf Wachstum, Finanzregulierung, Handelsungleichgewichte, Staatsschulden, grenzüberschreitende Zahlungen und digitale Vermögenswerte legen wolle.

Die Welt schuldet fast 353 Billionen Dollar

Das zentrale Thema des ersten Tages war die Schuldenlast. Laut Daten von Reuters ist die weltweite Verschuldung in diesem Jahr auf fast 353 Billionen Dollar gestiegen, ein Rekordwert. Der US-Finanzminister Scott Bessent argumentiert, dass allein Haushaltskürzungen dieses Problem nicht lösen werden.

Sein grundlegendes Argument ist einfach: Die Welt muss sich vor allem „aus der Schuldenlast herauswachsen“. Washington setzt daher auf ein schnelleres Wirtschaftswachstum durch Abbau bürokratischer Hürden, höhere Investitionen, erschwinglichere Energie, Produktivität und technologische Innovationen.

Das US-Finanzministerium führt übermäßige Regulierung, falsch ausgerichtete Steuer- und Finanzanreize, einen Mangel an öffentlichen und privaten Investitionen, die Fragmentierung innerer Märkte sowie einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften als Bremsen für das Wachstum auf. Eine ungewöhnliche Maßnahme war die Einladung von Vertretern des Privatsektors direkt zu einem Teil der Verhandlungen.

KI verändert den globalen Kapitalfluss

In dieselbe Debatte trat deutlich der neue Chef der US-Zentralbank, Kevin Warsh, ein. Er argumentiert, dass die Welt möglicherweise von einer Phase „globaler Sparüberschüsse“ zu einer Ära des globalen Investitionsbooms übergeht.

Einen großen Teil dieser Veränderung stellen die enormen Investitionen in die Infrastruktur für künstliche Intelligenz dar – Datenzentren, Kraftwerke, Netzwerke, Chips und andere Technologieprojekte. Kapital, das in der Vergangenheit beispielsweise in sichere US-Staatsanleihen floss, findet nun neue Anlagealternativen.

Dies kann die Produktivität und das langfristige Wachstum steigern, führt aber gleichzeitig zu höheren Renditen für Staatsanleihen und verteuert die Finanzierung von Regierungen. Die US-Staatsverschuldung überschritt im August 40 Billionen Dollar.

China und ein Handelsüberschuss von 1,2 Billionen Dollar

Ein Schwerpunkt der Beratungen am Dienstag ist die globale Handelsungleichgewicht. Washington plant, vor allem die Frage Chinas anzusprechen.

Der chinesische Handelsüberschuss erreichte im Jahr 2025 fast 1,2 Billionen Dollar, und Bessent hält dieses Niveau für langfristig nicht nachhaltig. Er will, dass andere Volkswirtschaften der G20 die Bedingungen ihres Handels mit China überdenken und Druck auf Peking ausüben, um den heimischen Konsum zu fördern und weniger auf Exporte angewiesen zu sein.

Hier zeigt sich einer der Paradoxe der amerikanischen Strategie. Washington unterstützt Deregulierung, die Beseitigung von Investitionshemmnissen und Wirtschaftswachstum, betrachtet gleichzeitig aber Zölle als legitimes Mittel gegen staatliche Subventionen, Überproduktion und Handelsungleichgewichte. Ob diese Kombination langfristig das Wachstum fördert oder ob sie stattdessen die Kosten erhöht und den Welthandel einschränkt, ist eine der Hauptfragen, die noch offen sind.

Peking lehnt die Argumentation der USA ab. Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Guo Jiakun, erklärte am 31. August, dass China "keinen Handelsüberschuss anstrebe" und bilaterale Zölle ablehne. Er betonte, dass Handelsstreitigkeiten durch Konsultationen auf der Grundlage von Gleichheit, gegenseitigem Respekt und gegenseitigem Nutzen gelöst werden sollten.

Die Rückkehr Russlands ist ein wichtiges politisches Signal

Eine deutliche politische Dimension erhielt das Treffen mit dem Besuch des russischen Finanzministers Anton Siluanow. Dies war seine erste persönliche Teilnahme an einem solchen G20-Treffen seit Beginn des Krieges in der Ukraine im Jahr 2022.

Siluanow führte außerdem separate bilaterale Gespräche mit Scott Bessent. Das russische Finanzministerium gab bekannt, dass beide Minister die russisch-amerikanische Zusammenarbeit im Finanzbereich und das Vorgehen innerhalb der G20 diskutierten. Der US-Vertreter hingegen erklärte, dass auch ein Friedensplan des Präsidenten Donald Trump für die Ukraine Thema war.

Einem Bericht von Reuters zufolge, der sich auf eine anonyme Quelle berief, die mit dem Verlauf der Verhandlungen vertraut ist, teilte Bessent Siluanow mit, dass Russland angesichts des andauernden Krieges keine wirtschaftlichen Erleichterungen oder Abkommen in anderen Bereichen erwarten könne. Das US-Finanzministerium hat diese spezifische Aussage öffentlich nicht detailliert erläutert.

Die Tatsache allein, dass die amerikanischen Gastgeber die Rückkehr des russischen Ministers an den Verhandlungstisch ermöglichten und Bessent ein separates Treffen mit ihm abhielt, stellt eine deutliche Abweichung vom Jahr 2022 dar. Damals waren US-amerikanische, britische, kanadische und europäische Zentralbankvertreter während des Auftritts eines russischen Vertreters demonstrativ aus der Sitzung gegangen.

Deutschland und Polen protestieren, Siluanow fehlt auf dem Gruppenfoto

Die Rückkehr Russlands wurde insbesondere vom deutschen Finanzminister Lars Klingbeil kritisiert. Er betonte, dass man während des andauernden Krieges nicht den Eindruck erwecken dürfe, normale Beziehungen zu Moskau wiederherzustellen. Der polnische Finanzminister Andrzej Domański erklärte, er respektiere das Recht der Gastgeber, die Teilnehmer festzulegen, betonte aber gleichzeitig das tiefe Misstrauen Polens gegenüber Russland.

Europäische Vertreter lehnten ebenfalls ein traditionelles "Familienfoto" ab, wenn Siluanow darauf sein sollte. Das resultierende Gruppenfoto entstand daher ohne den russischen Minister. Gleichzeitig räumte Klingbeil ein, dass die Existenz eines Kanals für einen direkten Dialog mit Moskau von Bedeutung sein könnte.

Iran und Energie rücken wieder ins Zentrum der Wirtschaftspolitik

Das Treffen findet in einer Zeit statt, in der der andauernde Konflikt mit dem Iran erneut die globalen Energiemärkte beeinflusst. Der Preis für Rohöl Brent lag am Dienstag über 90 Dollar pro Barrel, und die Unsicherheit im Hormus-Strait übt Druck auf Inflation, Zinssätze und Staatshaushalte aus.

Gleichzeitig versucht Bessent, weitere Staaten zur weiteren wirtschaftlichen Isolation Teherans zu bewegen. Washington bereitet neue sekundäre Sanktionen vor und schließt Maßnahmen gegen Finanzinstitute nicht aus, die Geschäfte mit dem Iran abwickeln. China, der größte iranische Ölimporteur, lehnt seit langem die amerikanischen einseitigen Sanktionen ab.

Gerade die Energiekrise stärkt gleichzeitig das Argument der USA, dass billige, zugängliche und zuverlässige Energie nicht nur eine Frage der Energiepolitik ist, sondern eine grundlegende Voraussetzung für industrielles Wachstum und die weitere Entwicklung der künstlichen Intelligenz.

Die G20 sucht ein neues Wirtschaftmodell

Asheville ist also nicht nur ein weiteres Treffen von Finanzministern. Unter der US-Präsidentschaft treffen sich hier unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie die Weltwirtschaft in den kommenden Jahren aussehen soll.

Washington setzt auf eine Wirtschaft, die auf höherer Produktivität, größeren privaten Investitionen, technologischer Entwicklung, erschwinglicher Energie und einer geringeren regulatorischen Belastung basiert. Gleichzeitig will es durch Handelsbarrieren Ungleichgewichte korrigieren, die seiner Meinung nach vor allem das chinesische Wirtschaftsmodell verursacht.

Der französische Finanzminister Roland Lescure wies darauf hin, dass die Verantwortung nicht nur bei China liegt. Er betonte, dass die Welt eine ausgeglichenere Wirtschaft benötigt und dass sowohl China als auch die Vereinigten Staaten und Europa ihre "Hausaufgaben" erledigen müssen.

Der zweite und letzte Tag der Verhandlungen in Asheville findet gerade statt, und die endgültigen Ergebnisse sowie ein eventuelles gemeinsames Kommuniqué wurden noch nicht veröffentlicht. Es ist jedoch bereits sicher, dass die diesjährige US-Präsidentschaft die G20 deutlich stärker in Richtung Fragen des Wachstums, des geopolitischen Handels, der Energie, der Technologie und der wirtschaftlichen Sicherheit lenkt.

Die Rückkehr Russlands an den Verhandlungstisch zeigt auch, dass sich zusammen mit der Wirtschaftspolitik auch die diplomatische Landschaft verändert, in der über die Zukunft der Weltwirtschaft entschieden wird.

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