Während meiner Reisen durch Europa besuchte ich 16 Länder und fast dreißig Städte. Wenn ich sagen müsste, wer mein wichtigster "Reiseführer" war, dann wäre es nicht ein Reisebüro, sondern eine etwas mysteriöse chinesische App: Xiaohongshu, heute oft auch als Red Note bezeichnet. Wir haben alles selbst geplant. Flüge, Züge, Unterkünfte, Restaurants, Sehenswürdigkeiten, Warnungen vor Taschendieben und kleine lokale Tipps. Ein Reisebüro kam uns eigentlich gar nicht in den Sinn.
Noch vor zehn Jahren, vielleicht sogar erst vor drei Jahren, war ein Reisebüro für viele Touristen fast schon eine Selbstverständlichkeit. Man bezahlte ein Paket, bekam einen Programmablauf und ließ sich führen. Aber nach der Covid-Pandemie, mit dem Fortschritt der künstlichen Intelligenz und dem enormen Wachstum des Internets begann sich dieses Modell schnell zu verändern. Reisen ist nicht mehr nur ein Service, den wir kaufen. Es wird zu einem Prozess der Suche, des Vergleichs und der eigenen Entdeckung.
Laut Daten des chinesischen Ministeriums für Kultur und Tourismus, die von chinesischen Medien zitiert werden, erreichte der inländische chinesische Tourismus im Juli 2026 eine Zahl von 1,23 Milliarden Reisen, was einem Anstieg von 18,7 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Gesamteinnahmen überstiegen 920 Milliarden Yuan. Beide Zahlen gehören zu den höchsten der letzten fünf Jahre. Trotzdem schloss laut Sanlian Lifeweek im ersten Halbjahr 2026 mehr als 2400 Reisebüros ihre Türen, und mehr als 80 % der Mitarbeiter in der Branche verzeichneten im Sommer einen Rückgang der Aufträge von 30 bis 50 %. Auf den ersten Blick ist das ein seltsamer Widerspruch: Die Menschen reisen mehr als früher, aber die traditionellen Reisebüros verlieren an Bedeutung.
Ich denke, der Hauptgrund ist einfach: Die Logik des Geldverdienens hat sich geändert. Früher hatten Reisebüros etwas, was der durchschnittliche Tourist nicht hatte: Informationen, Kontakte und günstigere Kanäle. Sie wussten, wo man günstige Flugtickets kaufen kann, wie man zu Hotels kommt, wie man den Transport organisiert und wie man eine Route plant. Heute zeigen aber Buchungsplattformen und soziale Medien einen großen Teil dieser Informationen direkt der Öffentlichkeit. Der Unterschied zwischen einem professionellen Vermittler und einem erfahrenen Reisenden hat sich verringert.
Der zweite Grund ist das Vertrauen. In der Zeit nach der Pandemie vertrauen viele Menschen großen Institutionen und Werbeslogans weniger. Wenn ein Reisebüro sagt, dass ein Ort schön ist, klingt das wie Marketing. Aber wenn eine Studentin in Paris schreibt, in welcher U-Bahn-Station am meisten gestohlen wird, oder wenn ein Reisender in Barcelona eine konkrete Route für einen sichereren Abendspaziergang zeigt, wirkt das echter. Die Menschen suchen heute nicht nur nach dem "besten Produkt". Sie suchen nach der Erfahrung von jemandem, der dort wirklich war.
Der dritte Aspekt betrifft die Reiseführer. Reisebüros hatten lange Zeit den Vorteil, lokale Reiseführer zu kennen und einen tiefergehenden kulturellen Einblick bieten zu können. Aber soziale Netzwerke haben den direkten Kontakt auch zu lokalen Menschen ermöglicht. Einige Reiseführer sprechen heute Chinesisch, lernen Fotografie, drehen Videos und passen die Route an einzelne Reisende an. Auf der griechischen Insel Zakynthos buchten wir so einen lokalen Reiseführer. Dank ihm besuchten wir detailliert Navagio, die berühmte Bucht mit dem Wrack, und ein Teil des Ausflugs war sogar eine Drohnenaufnahme. Es war kein anonymes Paket, sondern ein maßgeschneidertes Erlebnis.
Der vierte Grund hängt mit der chinesischen Mobilität zusammen. Es gibt viele Chinesen, und ihre Spuren finden sich heute fast überall auf der Welt. Deshalb gibt es auf chinesischen Plattformen unglaublich viele Erfahrungsberichte. Egal ob man nach Paris, Barcelona, Athen oder in eine kleine Stadt in Mitteleuropa reist, findet man oft jemanden, der dort schon war und sehr konkrete Empfehlungen gegeben hat. Manchmal sind diese Informationen überraschend nützlich. Chinesische Studenten in Barcelona und Paris haben beispielsweise Erfahrungen mit Taschendiebstahlgruppen geteilt, auf gefährliche Orte hingewiesen und sogar beschrieben, wo sich nach Diebstählen gestohlene Gegenstände verstecken.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Reisebüros vollständig verschwinden werden. Für ältere Reisende, Familien mit kleinen Kindern, Geschäftsreisen oder komplexe Destinationen können sie immer noch einen großen Wert haben. Aber ihre Rolle muss sich ändern. Es reicht nicht mehr aus, einfach nur Flug, Hotel und Bus zu buchen. Das kann heute jeder mit dem Telefon erledigen. Ein Reisebüro der Zukunft muss etwas bieten, das das Internet nicht so leicht ersetzen kann: Sicherheit, Fachwissen, Notfallhilfe, eine sensible Interpretation von Kultur und ein wirklich durchdachtes Erlebnis.
Für mich ist Reisen über Red Note ein bisschen wie eine neue Form kollektiver Intelligenz. Es geht nicht nur um einen Algorithmus, sondern um Tausende kleine menschliche Anmerkungen. Jemand empfiehlt ein günstiges Café, jemand erklärt, wie man der Schlange ausweicht, jemand warnt vor Betrug. Zusammen entsteht daraus eine informelle Weltkarte. In Zeiten neuer Medien, Big Data und künstlicher Intelligenz sehnen sich die Menschen vielleicht sogar noch mehr nach Reisen als früher. Aber sie wollen nicht mehr passive Kunden sein. Sie wollen Mitgestalter ihrer eigenen Reise.