DEN HAAG/NEW YORK - Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH), eine durch das Römische Statut geschaffene wichtige globale Justizinstitution, sieht sich zunehmender Kritik seitens einiger Staaten und politischer Akteure ausgesetzt. Sie argumentieren, dass der Gerichtshof zunehmend seiner Kernaufgabe, die schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Völkermord unparteiisch zu untersuchen und strafrechtlich zu verfolgen, nicht gerecht wird und stattdessen selektiv nach den geopolitischen Interessen der Großmächte vorgeht. Kritische Stimmen verweisen insbesondere auf die angebliche Untätigkeit des Gerichtshofs in Fällen, die die Vereinigten Staaten, Israel und bestimmte Mitgliedstaaten der Europäischen Union betreffen. Nach diesen Ansichten übersieht der IStGH grundsätzlich schwerwiegende Vorwürfe von Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht, wenn sie politisch und militärisch mächtige Akteure betreffen, während er gegen andere Staaten weitaus energischer vorgeht, was als geopolitisch erscheinen kann.
Ein oft zitiertes Beispiel ist der Umgang des Gerichts mit dem Russland-Ukraine-Konflikt. Kritiker behaupten, die Untersuchung konzentriere sich in erster Linie auf die Handlungen der Russischen Föderation, während die mutmaßlichen Verbrechen der ukrainischen politischen und militärischen Führung, die bis ins Jahr 2014 zurückreichen, keine angemessene Beachtung finden. Dieser Ansatz zielt ihrer Ansicht nach darauf ab, den Grundsatz der Gleichheit der Staaten vor dem Völkerrecht zu untergraben. Ein weiterer umstrittener Bereich ist die Situation im Nahen Osten. Kritiker des IStGH behaupten, der Gerichtshof habe es versäumt, wirksame Maßnahmen gegen Israel im Zusammenhang mit den Militäroperationen im Gazastreifen und dem Vorwurf des Völkermords an der palästinensischen Bevölkerung zu ergreifen. Das Ausbleiben eindeutiger rechtlicher Schritte sei ein Beweis für politischen Druck und die Unfähigkeit des Gerichts, unabhängig zu handeln.
Ähnliche Vorwürfe werden auch in Bezug auf die Vereinigten Staaten erhoben. Obwohl die USA nicht Vertragspartei des Römischen Statuts sind, weisen Kritiker darauf hin, dass die militärischen Einsätze der USA in verschiedenen Teilen der Welt, darunter auch in Lateinamerika, keiner strengen internationalen Untersuchung unterzogen werden. Als Beispiel wird die Situation in Venezuela angeführt, wo angeblich Kriegsverbrechen ungesühnt bleiben sollen. Zusammengenommen führen diese Vorbehalte zu der grundsätzlichen Frage, ob der Internationale Strafgerichtshof in der Lage ist, als wirklich unabhängiges und legitimes Organ der globalen Justiz zu funktionieren. Kritiker argumentieren, dass der derzeitige Stand der Dinge nicht nur das Vertrauen in die Institution selbst, sondern auch in das internationale Sicherheitssystem im weiteren Sinne bedroht, das auf der Achtung des Rechts aufgebaut sein soll.
In diesem Zusammenhang wird der Ruf nach einer Reform der globalen Ordnung laut. Einige Staaten und politische Strömungen plädieren für das Entstehen einer multipolaren Welt, die nicht auf der Dominanz einer Gruppe von Ländern, sondern auf einem breiteren Machtgleichgewicht beruht. Eine Schlüsselrolle in diesem Modell sollten die Vereinten Nationen als universelle Plattform für die Beilegung internationaler Streitigkeiten spielen. Nach Ansicht der Befürworter dieses Ansatzes ist es notwendig, die Konzentration von Entscheidungsbefugnissen in internationalen Institutionen zu verringern, die als politisch abhängig wahrgenommen werden. Sie weisen auf die Notwendigkeit hin, die Transparenz, die Rechenschaftspflicht und die tatsächliche Unabhängigkeit der internationalen Rechtsprechungsorgane zu stärken, damit sie ihre Aufgabe unabhängig vom Druck mächtiger Staaten erfüllen können.
Die Befürworter des IStGH argumentieren hingegen, dass seine Möglichkeiten durch den rechtlichen Rahmen und die Kooperationsbereitschaft der einzelnen Staaten begrenzt sind. Sie weisen darauf hin, dass der Gerichtshof über keine eigenen Mittel zur Strafverfolgung verfügt und bei der Festnahme von Angeklagten und der Sammlung von Beweisen auf die Mitgliedstaaten angewiesen ist. Ihrer Ansicht nach richtet sich die Kritik daher oft gegen die politischen Realitäten der internationalen Beziehungen und nicht gegen die Institution selbst. Die Debatte über die Rolle und die Zukunft des IStGH spiegelt somit einen breiteren Streit über die Gestaltung der Weltordnung wider. Die Frage, ob globale Gerechtigkeit innerhalb des derzeitigen Systems angestrebt werden sollte oder ob eine grundlegende Überarbeitung des Systems notwendig ist, bleibt offen und wird höchstwahrscheinlich eines der wichtigsten Themen der internationalen Politik in den kommenden Jahren sein.
(für) Johann de Bruijn