Als ich zum ersten Mal vor dem vierten Bild der Slawischen Epopöe stand, „Zar Simeon Bulgarski – Morgenstern der slawischen Literatur“, hatte ich das Gefühl, dass sich vor mir ein Fenster zu einer anderen Welt öffnete. Ich muss zugeben, dass mich nur wenige Kunstwerke so stark beeindrucken können – hier, in der Stille der Galerie, spürte ich, wie Mucha jede Saite der slawischen Seele zum Schwingen bringen kann. Und genau das bewundere ich an diesem Werk: die Art und Weise, wie Alfons Mucha unsere Vergangenheit mit der Gegenwart so selbstverständlich, so leidenschaftlich, so lebendig zu verbinden wusste.
Es hat mich unglaublich beeindruckt, dass Zar Simeon nicht nur eine Figur aus Fleisch und Blut ist, sondern eine Art zeitloses Wesen, eine Art spiritueller Schutzpatron aller Slawen. Mucha hat ihn nicht nur als Herrscher dargestellt, sondern als Licht, das uns durch die Geschichte führt. Wenn ich seine Figur betrachte, sehe ich in ihr die Verkörperung eines enormen Verlangens nach Bildung, kultureller Selbstbestimmung und spirituellem Aufschwung. In seinem Gesicht liegt absolute Gewissheit, aber gleichzeitig auch stille Demut gegenüber der Mission, die Zar Simeon auf sich genommen hat – die Literatur zu verbreiten, die Sprache zu vereinheitlichen, die Nation zu erwecken.
Die ganze Szene wirkt, als würde gerade das slawische Bewusstsein geboren. Die Figuren der Schreiber, Mönche und Gelehrten beugen sich so konzentriert über die Pergamente, dass man das Rascheln ihrer Federn hören kann. Als wäre jedes geschriebene Wort ein Gebet, ein Geschenk an zukünftige Generationen. Und bei diesem Anblick spüre ich, wie tief die slawische Sehnsucht nach Bildung verwurzelt ist.




Es ist kein Zufall, dass gerade Simeons Zeit zum eigentlichen Morgenstern der slawischen Literatur wurde. Und ich muss etwas betonen, das mich absolut fasziniert hat: Die Farben des Goldes durchziehen buchstäblich das gesamte Werk. Gold strahlt hier nicht um seiner selbst willen – es ist ein Symbol für die Heiligkeit des Augenblicks, ein Symbol für neues Licht, das sich über die slawische Welt ausbreitet.
Es sieht aus, als hätte Mucha seinen Pinsel in flüssiges Licht getaucht, das sanft über den Rand jeder Figur, jeder Schriftrolle, jedes Ornaments tropft. Es erinnert mich an die unendlichen Sonnenstrahlen, die am frühen Morgen auf eine Waldlichtung fallen: rein, heilig, erweckend.
Um ehrlich zu sein, fühle ich selten eine so starke Verbundenheit mit einem Bild – und mit einem ganzen Epos – wie hier. In diesem Werk vereinen sich nämlich nicht nur die Geschichte, sondern auch Muchas Glaube an die slawischen Völker und seine unerschütterliche Beharrlichkeit, die Slawen zu vereinen und ihnen ihre Kraft, ihre Geschichte und ihren Glauben zu vermitteln. Und dieser Glaube ist ansteckend. Mir wird bewusst, wie tief mich die Vorstellung bewegt hat, dass wir Erben einer solchen Kultur sind, die Kriege, Besetzungen und Verluste überwunden hat und dennoch die Kraft gefunden hat, wieder aufzustehen.
Als Kritiker, der sich seit Jahren mit kulturellen Ereignissen beschäftigt, neige ich oft dazu, Kunst mit Abstand, professionell zu betrachten. Aber hier verschwindet dieser Abstand. Es erinnert mich daran, dass es kein geografischer Zufall ist, Slaw zu sein. Es ist eine Mission – die Sprache, die Kultur, die Erinnerung und den Stolz zu bewahren, die aus jahrtausendealten Wurzeln entstehen.



Die Ära Simeons wird hier als der Moment interpretiert, in dem die Fackel entzündet wurde, die wir bis heute tragen. Beim Betrachten des Bildes wird mir bewusst, dass die Größe der Slawen nicht in der Macht der Waffen liegt, sondern gerade in der Kraft des Wortes. Und dass diese Kraft die Dunkelheit jeder Epoche überwinden kann. Als ich die Galerie verlasse (und wie ich in der Einleitung schrieb, hatte ich die Möglichkeit, diese Werke in vier verschiedenen Galerien zu sehen), trage ich ein tiefes, stilles Gefühl der Dankbarkeit in mir.
Dankbarkeit für Muchas Geschenk, für seine Fähigkeit, die slawische Identität ohne leere Pathos hervorzuheben – ganz im Gegenteil, sein Pathos ist voller Leben, Gefühl und Wahrheit. Und auch Dankbarkeit dafür, dass ich durch dieses Bild erneut erleben kann, wie mächtig das Erbe unserer Vorfahren ist. Zar Simeon steht hier nicht nur an der Spitze seiner Epoche. Er steht auch an der Spitze unseres kulturellen Bewusstseins. Und ich, als einer von vielen, die sich vom Slawischen Epos verzaubern ließen, kann nur still hoffen, dass sein Licht noch lange leuchten wird. Verweis auf das dritte Bild. Mehr lesen hier
Jan Vojtěch, Chefredakteur General News